Buchtipps

Ausgabe 174 (Nov/Dez. 2010)

Abbas Khider - Der falsche Inder

Abbas Khider wurde 1976 in Bagdad (Irak) geboren.

Mit 19 Jahren wurde er wegen politischer Aktivitäten verhaftet.

Nach seiner Haftstrafe flüchtete Abbas Khider und hielt sich als „Illegaler“ in verschiedenen Ländern auf.

Seit 2000 lebt er als Autor und Lyriker in Deutschland.

Als Vorlage für seinen Debütroman „Der falsche Inder“ hat Abbas Khider sein eigenes Leben verwendet.

Er erzählt die Geschichte des Irakers Rasul Hamid, der unter dem Regime Saddam Husseins in Gefangenschaft gerät.

Nach seiner Entlassung flieht er aus dem Irak und reist durch Jordanien, Libyen, die Türkei, Griechenland und Italien, um am Ende in Deutschland anzukommen. In all den Ländern schlägt Rasul Hamid sich mit Nebenjobs durch, arbeitet als Kellner, als Hauslehrer und Gelegenheitsarbeiter.

Alle acht Kapitel des Romans erzählen die Geschichte seiner Flucht, immer anders akzentuiert, anders pointiert, aber immer lesenswert.

Häufig hat man das Gefühl, seine Flucht fliegt auf und endet, doch immer wieder nimmt der Roman eine überraschende Wendung zum Guten.

Wird er nach seiner Nationalität gefragt, so gibt er sich stets als Inder aus. Auf seinen Reisen trifft Rasul Hamid andere Flüchtlinge, die ihm wiederum ihre Geschichte erzählen.

Alle haben gemeinsam, dass sie ein Leben ohne Hunger, Armut, Krieg und Unterdrückung führen möchten.

Man könnte nun meinen, Abbas Khider habe eine traurige Geschichte geschrieben, einen Roman, bei dem einem die Tränen in die Augen treten. Gelegentlich mag dies der Fall sein.

Doch der Autor erzählt in einer solch lakonischen, humorvollen und geistreichen Sprache, die gelegentlich mehr einem modernen Märchen als einem Flüchtlingsroman zu gleichen scheint.

So lacht man und freut sich, schlägt das Buch zu und beginnt … nachzudenken.

 

Abbas Khider – Der falsche Inder – Edition Nautilus

 

Gebundene Ausgabe - 157 Seiten – 16,- Euro

 

Christian Kahnt

Ausgabe 174 (Nov./Dez.2010)

In Berlin treibt ein Kidnapper sein Unwesen. In der Bevölkerung wird dieser schnell bekannt unter dem Namen Mister 2000.

Manche nennen ihn auch ALDI-Kidnapper, da seine Lösegeldforderungen mit jeweils 2000 Euro sehr preisgünstig sind.

Seine Masche ist es, kleine Jungen und Mädchen in sein Auto zu locken und die Eltern zu erpressen.

Das Fernsehen betitelt ihn als vermutlich schlausten Kindesentführer aller Zeiten, was auch daran liegt, dass die Polizei keine Spur findet. Zeit für den Helden des Romans, sich des Falles anzunehmen, wenn auch nicht ganz freiwillig. Dieser junge Held, Rico Doretti, wächst bei seiner Mutter auf, die in einem zwielichtigen Gewerbe nachts tätig ist.

Er besucht eine Förderschule und bezeichnet sich selbst als „tiefbegabt“.

In seinem Kopf geht es manchmal „so durcheinander wie in einer Bingotrommel“ zu.

Während der Schulferien lernt er seinen einzigen Freund kennen: Oskar. Im Gegensatz zu Rico ist Oskar hochbegabt, aber sehr ängstlich.

Er kennt die genaue Entfernung des Mondes zur Erde, traut sich aber nicht auf Balkone und trägt ständig einen Fahrradhelm aus Angst vor Unfällen. Eines Tages erscheint Oskar nicht wie verabredet bei Rico.

Mister 2000 hat wieder zugeschlagen.

Mit Rico, Oskar und die Tieferschatten hat Andreas Steinhöfel ein Jugendkriminalroman geschrieben, bei dem auch Erwachsene Spaß beim Lesen haben.

Neben dem Deutschen Jugendliteraturpreis, den Steinhöfel für seinen Roman erhielt, freut er sich vor allem über die vielen Zuschriften insbesondere von Schülern aus Haupt- und Förderschulen.

Sie schreiben ihm: „Ey Alter, du weißt wie‘s bei mir in der Birne abgeht“.

Sie fühlen sich durch den Roman verstanden und ernst genommen, erkannt und aufgewertet.

Steinhöfel umschreibt es so:

„Auf einmal ist da ein ‚ kleiner cooler Blöder‘, der eigentlich ziemlich clever ist und nur anders denkt, als unser Schulsystem zum Beispiel das erfordert.

Dazu kommt noch, dass viele von diesen ‚problematischen‘ Kindern, die normalerweise nicht lesen, jetzt nicht nur die Schullektüre lesen, sondern freiwillig den zweiten Band kaufen, um zu gucken, wie es weitergeht.

Das ist eigentlich das größte Kompliment.“

 

Andreas Steinhöfel - Rico, Oscar und die Tieferschatten

 

Carlsen Verlag Taschenbuch – 224 Seiten – 12,90 Euro (ab 12 Jahre)

 

Christian Kahnt

Ausgabe 173 Okt.- Nov. 2010

Liebesbrand

Feridun Zaimoğlu hat

sich schon früh einen Namen

gemacht mit dem Buch Kanak Sprak (1995),

in dem er die Stimme des Türken von der

Straße in die deutsche Literatur brachte. In

seinem Nachfolgewerk Abschaum (1997),

welches unter dem Titel Kanak Attack verfilmt

wurde, sprach er mit der Stimme des

„Kanaken, Gangsters und Drogenabhängigen“

Ertan Ongun.

 

Mittlerweile drehen sich Zaimoğlus Bücher

aber immer häufiger um das Reisen und die

Liebe. Sein Liebesbrand beginnt mit einem

schweren Busunglück in der Türkei. Als einer

der Businsassen zu sterben glaubt, reicht

ihm eine junge schöne Frau ein Glas Wasser.

Die anmutige Erscheinung verzaubert ihn,

schenkt ihm neuen Lebensmut und erweckt

einen Liebesbrand in seinem Herzen. Er

schafft es nicht, sie nach ihrem Namen zu

fragen, doch als sich diese vom Unglücksort

entfernt, prägt er sich das Nummernschild

ihres Autos ein. Nach seiner Genesung

begibt er sich auf der Suche nach seiner

großen Liebe in die deutsche Kleinstadt

Nienburg, sowie nach Prag und Wien. Als

er sie aufspürt, offenbart er ihr umgehend:

„Ich will dein Geliebter sein“.

 

Mit Liebesbrand hat Feridun Zaimoğlu einen

sprachlich runden und humorvollen Liebesroman

geschrieben. Die Ausgangssituation

für sein Buch hat der Autor selbst erlebt. Auf

einer Busfahrt von Ankara in einen Urlaubsort

überlebte Zaimoğlu gemeinsam mit

seiner Mutter nur mit viel Glück eine Kollision

mit einem Lastwagen. Der hintere Teil

des Busses brannte und zwölf Menschen

starben. Kurz vor Fahrtbeginn hatten die

beiden Zaimoğlus ihre Plätze im hinteren

Teil gegen mittlere getauscht.

 

Feridun Zaimoğlu – Liebesbrand - Fischer

Taschenbuch -374 Seiten - 9,95 Euro

 

Christian Kahnt

Ausgabe 173 Okt.-Nov. 2010

Taxi

Der Titel ist Thema, der Text auto- biografisch.

Nach Abitur und abgebrochener

Ausbildung beginnt die Heldin des Road-

Romans Alex Herwig, orientierungslos

und festlegungsunwillig, ihren Trip als

Taxifahrerin durch Hamburg. Ein Trip auf

dem sie 13 Jahre hängen bleibt, auch

wenn man ihr spätestens nach 50 Seiten

wünscht, sie würde langsam mal wieder

runterkommen. Aber das tut sie nicht.

Ruhelos wie ein Junkie vom Kiez hetzt sie

von Fahrgast zu Fahrgast, giert sie nach

den „Top-Taxi-Touren“ und steht am Ende

doch wieder ohne Geld und wirkliches

Leben da.

 

Ihr Treiben wirkt absurd, und lässt sie

allein, leer, pleite und ausgebrannt zurück.

Momente höherer Erkenntnis sind

rar gesät. Gelegentlich hofft man, sie

habe kapiert, nicht nur ein willenloses

Geschöpf zu sein, möge endlich beginnen,

ihr Leben in die eigenen Hände zu

nehmen – doch aus dem Paradoxon,

die Freiheit nur durch den Sprung in die

Unfreiheit zu erleben, kann sie sich nicht

befreien. So bleibt ihre Zukunft unbeschrieben,

ein leeres Blatt, voller Potential

und Sehnsucht. Alex Herwig füllt es nicht

und irgendwann wird die Zukunft zur

Gegenwart.

 

Am Ende des Textes ist es nicht sie selbst,

sondern logischerweise ein Schimpanse,

der einen Unfall produziert, und so ihrer

Zeit als Taxifahrerin ein Ende bereitet.

 

Karen Duve – Taxi – Goldmann Verlag –

320 Seiten – 8,95 Euro

 

Christian Kahnt