Humanisten
Ausgabe 173 Okt.-Nov. 2010
Tage der Reflexion - Tage der Inspiration
AUSZEIT
AKTIVE GEWALTLOSIGKEIT ALS PERSÖNLICHER WEG DER VERÄNDERUNG
Mit unseren Reflexions/ Inspirationstagen wollen wir allen, die dies möchten, eine Möglichkeit geben sich eine Auszeit von unserem hektischen Alltag zu nehmen. Einen Moment inne zu halten und zur
Ruhe zu kommen, ist der Wunsch den viele von uns haben, aber nicht wissen wie und wo man dies machen kann. Im Studien und Reflexions Park Schlamau findet man all dies: Hier hat man die
Möglichkeit abzuschalten, zu sich zu kommen, über sich und das Leben nachzudenken und neue Kraft zu tanken.
Im Vordergrund dieses Tages stehen die Selbstreflexion, der Dialog und der Gedankenaustausch mit den anderen Seminarteilnehmern.
Nutzen
Aus den Erfahrungen, Gedankenaustausch, Ruhe und Zurückgezogenheit lassen sich Kraft und Klarheit für den hektischen Alltag mitnehmen.
Zielgruppe
Alle, die eine besondere Atmosphäre zur Eigenreflexion suchen
Über das Seminar
Das Ziel der Reflexionstage ist einen ersten Kontakt zu seinem tiefsten Inneren herzustellen. An die eigenen Wurzeln zu gelangen und dadurch größeres Verständnis zu erhalten.
Es geht also um die „Arbeit“ an der eigenen Person.
Mehr Infos über den Studien und Reflexionspark Wiesenburg/Schlamau unter:
Samstag, 27. November 2010
Programm: Anreise Freitag bis 21 Uhr
Samstag 9 – 18 Uhr (Videos, Workshops, Erfahrungen + Austausch)
Kosten: 35,- Euro (incl: Übernachtung, Bettwäsche, Abendessen, Frühstück, Mittagessen)
Ort: Studien- und Reflexionspark Schlamau (Brandenburg)
reservierungen@parkschlamau.org
Der Sinn
Ausgabe 172- Sep.-Okt.
Bei diesem Umherstreifen in der
Sinn-Leere und mit dem Versuch etwas
Wahrhaftiges zu finden, etwas wirklich
Wahrhaftiges, Jenseitiges, das sich in
Richtung einer unendlichen Zukunft orientiert,
wenn wir irgendwann um die Ecke
biegen, eine Tür öffnen, eine Türschwelle
überschreiten, dann werden wir von einer
ungeheuren Freude ergriffen, von einem
absoluten Verständnis, von einer hoffnungsvollen
Hoffnung, von einer brüderlichen
Freundschaft, die uns alle vereint.
Und das, was ist das? Von wo geht diese
Unermesslichkeit aus, die mich bedrückt?
Woher kam dieser kurze Augenblick, der
nach „Ewigkeit“ schmeckte? Was kann das
sein, dass ich es unbedingt noch einmal
finden muss, oder ich vielleicht von ihm
gefunden werde?
Jene außergewöhnliche Erfahrung kam
nicht von außerhalb, etwas brach in mein
tiefstes Inneres ein wie das Feuer, das aus
dem Erdinneren aus dem Schlund des
Vulkans gespuckt wird. Was gibt es hier
drinnen, das solch eine Kraft hat, solch eine
Energie, solch eine Güte, um die ganze
Welt mit meinen einfachen Tränen zu
benetzen?
Etwas
sehr
Großes wohnt im Inneren
von jedem von uns, so groß, dass
das Bewusstsein es nicht erfassen kann;
trotzdem empfängt es seine Zeichen und
seine Richtung. Der Sinn ist nicht etwas, was
von außen kommt, es ist etwas, was von
innen kommt und sich in der Welt der Dinge
gestaltet.
Was ist es, was aus dem Inneren kommt und
die Welt, in der ich lebe in einem anderen
Licht erstrahlen lässt? Was ist dieses Innere,
wo ist dieses Innere? Wenn etwas Unermessliches,
größer als das Bewusstsein und
die Welt in mir und auch in dir steckt, was
ist dann dieses Innere? Wenn das, was in
mir steckt und auch in dir steckt, was ist es
dann, das außerhalb ist, was ist es, das uns
in du und ich trennt?
Das, was unbeschreiblich ist, nicht greifbar,
still, fast zeitlos, welches keinen Raum einnimmt.
Bist du der Geist?
Plötzlich nimmt dich mein Verstand wahr,
erahnt dich und ich höre dir zu, als wärst
du eine Stimme, die aus meinem Herzen
spricht. Plötzlich fühle ich mich von der
Güte, von der Liebe, von den Rechten
meiner Mitmenschen, von der Gerechtigkeit
angesprochen. Ich kann nichts anderes
mehr tun, als deinem Ruf zu folgen, der
einem Befehl gleichkommt. Ich will dich nur
treffen und mit dir in Verbindung bleiben,
du, der du die Quelle bist, die reines Wasser
verströmt und du, der, sich an einem Ort
befindet, der außerhalb von Raum
und Zeit liegt.
Du bist in meinem Inneren, und in
deinem Inneren und in dem Inneren von
demjenigen, der weint, weil er aus seinem
Elend und seinem Schmerz heraus will. Wo
ist dieses Innere, das tatsächlich das ist, was
ich wahrnehme und was ist es, was sich
ausdrückt? Derjenige, der leidet weint, weil
sein Hunger es nicht zulässt, dass dieses Unermessliche,
das in seinem Inneren wohnt,
sich ausdrückt. Werde ich mit meiner eigenen
Suche weitermachen oder werde ich
meinem wehklagenden Bruder solidarisch
meine Hand reichen? Wenn ich weitermache,
werde ich dich verlieren und es wird
sehr schwer für mich sein dich zu finden.
Plötzlich wusste ich, wo du bist. Du bist direkt
vor meinen Augen, im Inneren meines
Bruders. Du bist das, was lebendig ist und
was heraus muss, um sich zu entfalten, von
der Nichtzeit zur Zeit und vom Unendlichen
zum Endlichen.
Zu tun, was getan werden muss, bedeutet dem
Gedanken, dem Gefühl und jenem Handeln
zu folgen, was von innen den Antrieb gibt,
um in die Welt zu gelangen. Dies ist das
Wichtige und die Basis der Existenz. Aber
was, wenn ich jenes Zeichen, das aus den
inneren Welten kommt, nicht erkenne oder
nicht erhalte? Dann suche es unermüdlich,
denn nur von dorther rührt der Sinn.
Wenn ich einer Person Gewalt antue, wenn
ich sie misshandle, wenn ich verhindere,
dass sie sich äußert, dann blockiere ich
etwas sehr Großes, das sichtbar werden will
und muss. Dieser Anschlag auf die Äußerung
anderer, ist ein Anschlag auf den Sinn
des Lebens selbst und es offenbart sich, wer
diese Gewalt in Form von Leid, Widerspruch
und Tod begeht. Im Gegensatz dazu, wenn
man das Fliessen des Sinns hin zu Raum und
Zeit ermöglicht, wird man es als Erfüllung
und als Glaube an das immer wachsende
und ewige Leben erfahren. Weil es einen
tiefen und transzendenten Sinn gibt, kann
ich ihn auch erfahren. Wenn ich ihn nicht
erfahre, suche ich ihn und wenn ich ihn
aufrichtig suche, helfen meine Handlungen
dem Leben und sie helfen den Schmerz, das
Leid und den Tod zu überwinden; wenn ich
dem Leben helfe, dann zeigt sich mir das
Leben in der Erfahrung seiner ganzen Fülle.
Und was sagst du dann zu einer Welt, in der
80 % unter armseligen Bedingungen leben,
in der die Länder Waffen haben und sogar
ihre Kinder bewaffnen und mächtige Feuerwaffen
besitzen, um den ganzen Planeten
zu vernichten?
Weil es einen Sinn gibt und etwas sehr
Großes, was sich über das Menschliche ausdrücken
muss, deshalb werden wir angetrieben,
vielleicht sogar gezwungen, veranlasst
von einem moralischen Auftrag die Welt
zu verändern und uns selbst zu verändern,
damit die Güte, die Schönheit, die Gerechtigkeit
und die Menschlichkeit erscheint.
Dario Ergas
(Ausgabe August/'Sept 2010 Nr. 172)
Informationen über die Parks zum Studium und zur Reflektion
Seit jeher hat es Orte gegeben, die man der Suche nach Erfahrungen
widmete, die über das Alltägliche hinausgehen
und die verbunden sind mit demSinn des Lebens
Die „Parks zum Studium und zur Reflektion“ sind Begegnungsstätten, die dem Studium und der Reflektion über den Menschen und seine Entwicklungsmöglichkeiten gewidmet sind, in Richtung auf eine
gewaltfreie Welt ohne Diskriminierung.
Es sind Orte der Begegnung, in denen über die Entwicklung des Wissens hinaus das Streben nach einem tieferen Verständnis unserer selbst und des menschlichen Phänomens im allgemeinen einen
wichtigen Raum einnimmt. Dies berührt Themen aus dem gesellschaftlichen Bereich genauso wie Fragen, die aus unserem tiefen Inneren kommen. Dabei ist es wichtig, Intellekt, Gefühle und Handlung
gleichermaßen zu berücksichtigen und jedem dieser drei Aspekte Aufmerksamkeit zu schenken und einen angemessenen Raum zu geben, damit sie in einer gemeinsamen Richtung zusammenlaufen können – zu
Gunsten der gewaltfreien Zukunft, nach der wir streben.
Weltweit gibt es zur Zeit etwa 30 Parks, die von Humanisten aus vielen Ländern ausschließlich mit eigenen Mitteln aufgebaut wurden. Weitere werden in diesem und den nächsten Jahren auf
verschiedenen Kontinenten und in verschiedenen Kulturen öffnen. An all diesen Orten, die miteinander in Verbindung stehen, wird daran gearbeitet werden, eine neue gewaltlose Kultur zu entwickeln
und zu fördern. Wichtig ist dabei, dass die Parks weltanschaulich und konfessionell neutral sind und jedem offen stehen, der sie im Geist der Gewaltlosigkeit und Nicht-Diskriminierung nutzen
möchte.
Eine Gruppe von Humanisten aus Deutschland, hat sich das Projekt gefasst, einen weiteren Park zum Studium und zur Reflektion in der Nähe von Berlin aufzubauen. Wir haben bereits ein
geeignetes Grundstück gefunden, auf dem ein Arbeits- und Studienzentrum entstehen soll. Um diesen neuen Park zu realisieren, brauchen wir deine Unterstützung.
Das Grundstück ist etwa 1,2 Hektar groß und besitzt ein Haus, das mehr oder weniger sofort nutzbar ist, auch wenn einige Renovierungsarbeiten nötig sind.
Um den Kauf innerhalb der nächsten 1-2 Monate vollziehen zu können, führen wir diese Unterstützungs-Kampagne vom 1. April bis 31. Mai durch.
Wenn du dich entschließen kannst, dieses Projekt zu unterstützen, würden wir uns sehr freuen.
http://park-gewaltlosigkeit.jimdo.com/
(Ausgabe Februar / März 2010 Nr. 166)
Einladung zu einer Studie mit dem Thema
"Der Umgang mit dem inneren Schweinehund"
Wer kennt ihn nicht den Inneren Schweinehund, der einem alles schwer macht, der es verhindert, dass man seine guten Vorsätze ausführt und der sich wie zäher, klumpiger Schleim anfühlt? Und jeder weiß auch, wie schwer es ist, ihn alleine zu überwinden. In dieser Studie mit dem Inneren Schweinehund wollen wir uns in 7 Treffen mit verschiedenen Themen beschäftigen um uns diesem Thema anzunähern.
Dieser Workshop wird kostenlos sein.
Anmeldungen bis zum 21.02.2010
Per E-Mail: muelheimer-stimmen@neuerhumanismus.de
Start: 24.02.2010
Wo: MegaHerz, Graf Adolf Str. 18-20, 51065 Köln-Mülheim
Uhrzeit: 18:30 - 20:30 Uhr
Jeder ist herzlich Willkommen
Eure Humanisten
(Ausgabe Dezember 2009 / Januar 2010 Nr. 165)
Silo - Mario Rodriguez Cobos, Vordenker des Universalistischen Humanismus - beim Gipfel der Friedensnobelpreisträger in Berlin den 11.11.2009
Die Bedeutung des Friedens und der Gewaltfreiheit im gegenwärtigen Moment. Der Weltweite Marsch.
Ein Marsch geht um die Welt – der Marsch für Frieden und Gewaltfreiheit.
Über dieses Thema werde ich vor diesem Forum eine kurze Ansprache halten. Ich tue dies in meiner Rolle als Begründer des Universalistischen Humanismus, der diesen Marsch inspiriert hat. Der
Marsch hat den Anstoß zu verschiedenen Initiativen und Aktivitäten gegeben, unter anderem zu der symbolischen Tour eines begeisterten Teams, das drei Monate lang verschiedene Länder durchqueren
wird. Diese Tour begann am 2. Oktober in Wellington, Neuseeland, und wird am 2. Januar 2010 am Fuße des Berges Aconcagua in Punta de Vacas, zwischen Argentinien und Chile, enden.
Wir wissen nur zu gut, dass wir in einer weltweit äußerst kritischen Situation leben, geprägt von der Verarmung ganzer Regionen, der Konfrontation zwischen Kulturen und von Gewalt und
Diskriminierung, die den Alltag breiter Bevölkerungsteile vergiften. Heutzutage gibt es an zahlreichen Orten bewaffnete Konflikte und gleichzeitig erleben wir eine tiefgreifende Krise des
internationalen Finanzsystems. Zu all dem kommt die wachsende nukleare Bedrohung hinzu, die letztlich die höchste Dringlichkeit der Gegenwart darstellt. Das ist eine äußerst komplexe Situation.
Zu den unverantwortlichen Interessen der Atommächte und dem Wahnsinn gewalttätiger Gruppen mit möglichem Zugang zu nuklearem Material kleinerer Größenordnung müssen wir das Risiko eines möglichen
Unfalls hinzuzählen, der einen verheerenden Konflikt auslösen könnte.
Hierbei handelt es sich nicht um die Summe einzelner Krisen, sondern um ein Gesamtbild, das vom globalen Scheitern eines Systems zeugt, dessen Handlungsmethodologie die Gewalt und dessen
zentraler Wert das Geld ist.
Es muss dringend ein Bewusstsein für Frieden und Abrüstung geschaffen werden. Aber es ist auch notwendig, ein Bewusstsein für die Aktive Gewaltfreiheit zu wecken, um nicht nur die körperliche Gewalt, sondern jede Form von wirtschaftlicher, rassistischer, psychologischer, religiöser und geschlechtsspezifischer Gewalt abzulehnen. Natürlich streben wir danach, dass diese neue Sensibilität zu einem festen Bestandteil der gesellschaftlichen Strukturen wird und sie bewegt, um den Weg für die zukünftige Universelle Menschliche Nation zu bahnen.
Wie uns allen bekannt ist, sind die Themen Ökologie und Umweltschutz zu einem festen Bestandteil unserer Gesellschaft geworden. Selbst wenn einige Regierungen und gewisse Interessengruppen die
Gefahr leugnen, die eine Missachtung des Ökosystems birgt, sehen sie sich unter dem Druck der Bevölkerung doch dazu gezwungen, zunehmend Maßnahmen zu ergreifen – dem Druck einer Bevölkerung, die
sich immer mehr Sorgen um die Zerstörung unseres gemeinsamen Hauses macht. Selbst unsere Kinder werden sich dieser Gefahr immer mehr bewusst und in den Grundschulen und den Medien ist das Thema
des vorsorglichen Umgangs mit der Umwelt präsent und niemand kann sich dieser Sorge entziehen.
Was aber das Thema Gewalt angeht, hinken wir beträchtlich hinterher. Damit meine ich, dass die Verteidigung des menschlichen Lebens und der elementarsten Menschenrechte auf allgemeiner und
globaler Ebene noch keine Wurzeln geschlagen hat. Immer noch rechtfertigt man Gewalt als Verteidigungsmittel und sogar als „Präventivmaßnahme“ gegen mögliche Aggressionen. Und es sieht nicht so
aus, dass man Entsetzen bei der Massenvernichtung schutzloser Völker empfindet. Nur wenn die Gewalt unser eigenes Leben in Form von verbrecherischen Bluttaten streift, sind wir alarmiert, aber
wir verherrlichen nach wie vor die schlechten Vorbilder, die unsere Gesellschaft und unsere Kinder von klein auf vergiften.
Offensichtlich haben sich bislang weder die Idee noch die Sensibilität durchgesetzt, die in der Lage sind, eine tiefe Ablehnung und einen moralischen Ekel hervorzurufen und die uns von der
Ungeheuerlichkeit der Gewalt in ihren verschiedenen Formen fernhalten.
Von unserer Seite aus werden wir alle notwendigen Anstrengungen unternehmen, um die Themen des Friedens und der Gewaltfreiheit in der Gesellschaft nachhaltig zu verankern, und es ist
offensichtlich, dass die Zeit kommen wird, in der sowohl individuelle als auch Massen-Reaktionen ausgelöst werden. Das wird der Augenblick sein, in dem unsere Welt eine radikale Veränderung
erfahren wird.
Kai in Madrid
Mülheimer geht um die Welt für Frieden!
Anfang November, am 20. Jahrestag des Mauerfalls, reihte sich der 33-jährige Kai aus Köln- Mülheim in den ersten »Weltweiten Marsch« der Geschichte ein. Insgesamt zwei Monate wird er unterwegs sein: Auf einem langen Marsch für eine Welt ohne Gewalt, der über 160.000 Kilometer durch 90 Länder der Erde führt.
Am zweiten Oktober, dem Geburtstag Gandhis, machte sich ein kleines Marschteam, das Zentrum des Marsches in Wellington,Neuseeland auf den Weg. Wenn alles läuft wie geplant, wird das sogenannte
Basis-Team, dem Menschen aus aller Welt angehören, am Tag nach Neujahr am Fuß des Aconcagua, des höchsten Berges von Südamerika, in Punta de Vacas, Argentinien ankommen. Die Reise führt durch
insgesamt 90 Länder. Seit Berlin ist Kai mit dabei.
So ist das Leben, das Kai nun seit einiger Zeit führt: »Die Tage sind sehr lang und durchorganisiert«, mailte er zum Beispiel von Barcelona – wo er gerade mal zwei Tage nach Beginn seiner Reise
Station machte – nach einem kleinen Abstecher nach Mailand und Rom. Viel Zeit, sich das Land anzusehen,bleibt bei so einer engen Planung nicht. Aber dafür hat er viele tolle Begegnungen: »Ich bin
so überwältigt von den Eindrücken,die ich bis hier gesammelt habe. Die Menschen sind so herzlich, so freundlich, eigentlich gibt es keine Worte für das was ich gerade fühle. Wir werden überall
empfangen wie Popstars. Von Müdigkeit ist keine Spur mehr, wenn wir in den Orten ankommen. Die Menschen geben einen so viel Energie, es ist der Hammer!«
Reise zu sich selbst
Dass Kai eine solche Strapaze durchhält, hätte er vor einigen Jahren nicht von sich geglaubt. »Dieser Marsch wird eine weitere Etappe auf einer Reise zu mir selbst sein.« Offen erzählt der
gelernte Oberflächen-Beschichter und Lackierer, der auch als Metzger und Koch gearbeitet hat, von seiner gar nicht so friedlichen Vergangenheit: »Bis vor ein Paar Jahren, war mein Leben bestimmt
von Alkohol, Drogen, Klauen, Schlägereien, bis hin zum Knast. Meine Alkohol-Exzesse waren so ausschweifend, dass mein Körper es nicht mehr verkraftet hat.« Irgendwann stand er an einem
Wendepunkt, so sieht er das heute. Er musste sich entscheiden: »Weitersaufen und daran zu Grunde gehen oder aufhören und anfangen mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Raus aus dieser
Parallelwelt, in der ich steckte.« Er entschied sich für Letzteres: »Ich fühlte mich beschissen in meiner Haut und hatte die Schnauze voll von dieser Gewalt, die ich mir und auch vielen anderen
antat. « Als er wieder nüchtern durch sein Leben lief, dachte er nach, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Er suchte etwas, das seinem Leben einen Sinn geben sollte. »Genug Gewalt!«,
beschloss er und begann sich dafür einzusetzen, dass die Welt friedlicher werde. »Jede Aktion, jedes Projekt, bei dem ich mitmachen kann, um Gewalt zu stoppen, gibt mir großen Sinn.
Zurzeit engagiere ich mich z. B. im Don Bosco Club, den Mülheimer Humanisten und den Mülheimer Stimmen«
»Natürlich bin ich nicht so naiv zu glauben, dass wir mit dieser Aktion dem Krieg und der Gewalt von heute auf morgen ein Ende bereiten«, räumt Kai ein. »Es ist eher der Versuch, einen Impuls zu
geben. Einen Stein ins Rollen zu bringen, der immer massiver, schneller wird und der letztendlich von niemandem mehr aufzuhalten ist. Ein Bewusstsein zu schaffen, dass eine Gesellschaft ohne
Gewalt in all ihren Formen möglich ist.«
Auszug aus ran Magazin 12/09
Text: Ulrike Büttner-Freunscht
Mülheimer Stimmen


