Lokales
Ausgabe 173 Okt.-Nov. 2010
Rückblicke - September 2010
Foto Brigitte Milhan
Bestimmt nicht vergessen werden die Mülheimer Bürger, die an dem wunderschönen Herbstfest auf dem Marktplatz an der Berliner Strasse teilgenommen haben, wie durch das Engagement der Nachbarschaft Mülheim Nord ein friedliches Fest für Jung und Alt aus vielen Nationen gelingen konnte. Fotos gibt es hier zu sehen
Ebenfalls nicht vergessen wird man den Mülheimer Markt der Möglichkeiten.
Es erstaunt immer wieder, wie in diesem Stadtteil, von dem es heißt, er sei so arm, was sicher auch stimmt, sich ein Reichtum an Initiativen für alle Lebensbereiche entfaltet. Rückblickend kann man sich freuen über das Engagement von H. Steßgen vom Stadtbezirks Sportbund, der vor vielen Jahren die Idee zu einer Präsentation der Sportvereine und Organisationen hatte und dem sich bald andere Initiativen aus dem sozialen Sektor angeschlossen
haben.
Vorausblicke
Foto: Brigitte Milhan
Unter Mülheimern nicht so sehr bekannt, obwohl so nah, gibt es das Naturbad Vingst. Nun soll hier nicht schon für den Sommer geworben werden. Denn auf dem Terrain rund um den schönen Badesee befindet sich ein einmaliger Spielplatz für Kinder und Jugendliche. Aber nicht nur das. „Ein reichhaltiges Angebot seit Mai 2010 bietet das IB - Arbeitsprojekt auf dem Gelände des Naturbades Vingst an. Das beschränkt sich nicht auf den Sommer, sondern ganzjährige Sport- und Bewegungsaktivitäten für Jung und Alt stehen auf dem Programm. Besuchern ist der Zugang zum Gelände und die Nutzung des Spielplatzes von dienstags bis samstags außerhalb der Freibadsaison kostenlos möglich. Das Team des Internationalen Bundes (Sportwissenschaftler, Pädagogen, junge Teilnehmende am Qualifizierungsangebot) fungiert als Ansprechpartner und ist für die Aufsicht vor Ort verantwortlich. Auch hier eine Internetadresse: www.naturbad-vingst.de Das Naturbad Vin gst ist auch mit dem Bus 153 vom Wiener Platz aus zu erreichen. B.M.
Kursprogramm:
Dienstag: Beachsport 15.30-16.30 Uhr,
Mitwoch: Fit ab 50 11.30-12.30 Uhr Rugby : 13.00-14.30 Uhr,
Donnerstag: Nordic Walking 11.00-12.00 Uhr Kinder - Entspannung „bewegt entspannt“ 15.30-16.30 Uhr,
Samstag: Lauftreff 10.00-11.00 Uhr (Groß-)Eltern- Kind-Turnen 15.00-16.00 Uhr
Ausgabe 172 Seb.-Okt. 2010
Hohe Erwartungen, lange Wartezeiten bei “Mülheim 2020“
Es knistert im Gebälk
Hohe Erwartungen setzen die Stadt Köln und ihr neuer Oberbürgermeister Jürgen Roters in das Mülheim-Programm. Immerhin fließen fast 40 Millionen in den arg gebeutelten Stadtteil, und das zu einer
Zeit, wo überall drastisch gekürzt werden muss, um die Milliarden wieder hereinzuholen, die den Finanzjongleuren vom Staat geschenkt worden sind. Es hat den Anschein: während andere darben, darf
Mülheim aus dem Vollen schöpfen.
Das Programm, das bald als „Integriertes Handlungskonzept IHK“, bald als “Mülheim 2020“ firmiert und das unter http://www.stadt-koeln.de/4/05303/ herunterzuladen ist, verspricht dem Stadtteil
eine Belebung der Wirtschaftskraft, Steigerung der Bildungsmöglichkeiten und eine deutliche Senkung der Arbeitslosigkeit. Als Säulen nennt es Lokale Ökonomie, Bildung und Stadtentwicklung – also
alles das, was die Bürger seit Jahren für die Entwicklung des Zentrums von Mülheim Nord, des Alten Güterbahnhofes fordern und was sie in “plan04“ und mit “advocacy planning“ umsetzen wollen (mehr
Informationen hierzu unter http://muelheimplant.wiwateg.org/).
Schöne Pläne, aber…
Am Anfang sah es auch gut aus für die Mülheimer Initiativen. Mit dem Institut für Neue Arbeit (INA) der Sozialistischen Selbsthilfe (SSM) Am Faulbach, dem Bauteilemarkt von SSM und Jugendhilfe
und dem deutsch-türkischen Geschäftshaus der IG-Keupstraße kamen gleich drei bürgerschaftliche Projekte der Lokalen Ökonomie ins Programm, zwei davon auf dem Brachgelände des Alten
Güterbahnhofes. Die Werkstätten und das Café des SSM gehörten dabei zu den Projekten, die direkt umgesetzt werden sollten. Im August 2008 war das Programm fertig, im September sollte es mit
Starterprojekten losgehen. Eile war geboten, denn bereits 2014 sollte abgerechnet werden. 2020 sollten die Wirkungen zu besichtigen sein, d.h. Mülheim soll bis dahin an den städtischen
Durchschnitt aufgeschlossen haben, was Wirtschaftskraft, Arbeit und Bildung betrifft. Vor allem junge Leute schienen allen Grund zu haben, optimistisch in die Zukunft zu blicken.
Doch nun begann das Verzögerungsspiel von Politikern und Bürokraten. Vielen Mülheimer Politikern, allen voran Dr. Thomas Portz, Vorsitzender der CDU-Fraktion in der Bezirksvertretung (BV), passte
das ganze Programm nicht. Es war ihnen zu alternativ und berücksichtigte zu wenig die eingesessenen Institutionen. So wurde erstmal ein halbes Jahr diskutiert, bis die Sache endlich in BV und
Stadtrat durch war. Dann begannen die Mühlen der Verwaltung zu mahlen, d.h. es wurde erst mal das Programm überarbeitet. Dies dauerte bis zum März 2010. Der überarbeitete Plan blieb streng
geheim, hat doch hinter den Kulissen das Tauziehen um die Gelder begonnen. Alle alteingesessenen Träger mussten angemessen bedient werden. Dieser Prozess dauert noch an. Dabei wurden alle
unliebsamen Projekte, wie die der SSM, erstmal verschoben. Gruppen wie Schanzenfestival, die seit Jahren in den Hallen des Alten Güterbahnhofes arbeiten, werden ausgegrenzt. Sie bekommen keine
Termine, ihre Briefe werden nicht beantwortet.
…nicht beachtet und bearbeitet
Pläne zur Entwicklung der Güterbahnhofsfläche werden von Dezernent Streitberger nicht beachtet und nicht bearbeitet. Die Gelände wurden – obwohl dringend notwendig für Mülheim 2020 – natürlich
auch nicht erworben. Auf einem Workshop am 17. März machte Herr Streitberger den Initiativen klar, dass für ihn nur die Interessen des Eigentümers zählen, der heißt “aurelis“ und gehörte früher
der Deutschen Bahn AG, dann der WestLB, und jetzt einem Konsortium aus dem Baukonzern Hochtief und dem US-Investor Redwood Grove. Die Bildung einer Arbeitsgruppe unter Beteiligung von Eigentümer,
Verwaltung und Bürgern lehnte Streitberger natürlich ab.
Inzwischen hat Anfang des Jahres Kölns neuer OB Jürgen Roters das Stadtentwicklungsdezernat selbst übernommen. Mit anderthalb Jahren Verspätung stellte er das Programm im Februar selbst im
Mülheimer Rathaus vor. Die Umsetzung bleibt aber weiterhin der Verwaltung um Amtsleiterin Kröger überlassen, die Planung des Güterbahnhofes liegt weiter in den Händen von Streitberger. Die
Initiativen haben dem OB nun vorgeschlagen, eine Arbeitsgruppe zu bilden und eine Leitung einzusetzen, die die Dinge endlich voranbringt. Am 12. April konstituiert sich der Veedelsbeirat des
Mülheimprogramms. Dort soll die Verwaltung ihre Pläne vorlegen, und die Initiativen sind darin vertreten. – Sie sind gespannt, wie sich Mülheim 2020 weiter entwickeln wird. (PK)
Rainer Kippe
Online-Flyer Nr. 242 vom 24.03.2010
NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung
http://www.nrhz.de/flyer/
MULTI-KULTI.
(Ausgabe Dezember 2009 / Januar 2010 Nr. 165)
Windmühlen Apotheke in Köln Mülheim
(EIN WEITERES BEISPIEL BEMERKENSWERTER GESCHÄFTE IN UNSEREM VIERTEL)
Die Windmühlen-Apotheke zeigt, wie das geht.
Kennen Sie Swahili, auch Suaheli genannt?? Oder verstehen sie Vietnamesisch? Dass die meisten Arztpraxen, Apotheken und viele öffentliche Einrichtungen sich auf unsere türkischen Mitbürger eingerichtet haben und ihnen bei komplizierten Sachverhalten des Gesundheitswesens oder Behördengängen muttersprachlich entgegenkommen, gehört mittlerweile zum alltäglichen Service. Wenn ich aber in der Windmühlen-Apotheke meine Medikamente hole, kann ich etwas beobachten, was unserem Straßenbild an Vielfalt der unterschiedlichsten Migrationskulturen auf besondere Weise entspricht. So weiß Frau Litiku, die Mitarbeiterin aus Kenia, zu erzählen, dass immer mehr afrikanische Patienten kommen. Noch unbeholfen in der deutschen Sprache, sind sie glücklich, auf englisch oder sogar in Swahili, einer in Afrika weit verbreiteten Sprache beraten zu werden. Doch nicht nur Bürger mit Migrationshintergrund besuchen die Apotheke. Bis hin zu internationalen Veranstaltungen großer Konzerne und Messebesuchern hat es sich herumgesprochen, das in dieser Apotheke neben Englisch, Französisch türkisch natürlich auch Kölsch/Deutsch, Russisch, Sölring (Plattdeutsch) und Vietnamesisch gesprochen wird. Rein zufällig hatte sich ein internationales Mitarbeiterinnen- Team gebildet, erklärt H.J.Schäfer, der Inhaber der Apotheke. Doch schnell verstand er, dass sich diese Sprachenvielfalt seiner Berufsethik als Apotheker und seinem kaufmännischen Interesse entgegen kam. Aus kaufmännischer Sicht profitiert seine Apotheke durch die gute mehrsprachliche Beratung. Das dokumentiert sich in einer zu 70 %igen festen Stammkundschaft, mit mehr als 1000 Kundenkarten. Aber nicht nur die Mehrsprachigkeit ist sein Erfolgsrezept, sondern verbunden damit ein Mitarbeiterteam, das mit ihm das Prinzipien teilt: „Vertrauen im Patienten wecken und als Arzneimittelexperte sich für die Patienten verantwortlich zeigen. Diese Einstellung gewinnt heute immer mehr an Bedeutung. Bedingt durch eine zunehmende Veränderung unserer Gesellschaft, vor allem im Köln-Mülheimer Raum, und gestraffterer Behandlungsmethoden in den Arztpraxen, stellen sich immer öfter soziale Aufgaben und Konflikte, neben der medizinischen Versorgung. Oft gilt es, wachsendem Misstrauen und Unverständnis mit Geduld zu begegnen. Als Ursache zunehmender Streitlust wird in der Apotheke die allgemeine Verunsicherung durch die Gesundheitsreform und die Angst, „über den Tisch gezogen zu werden“ gesehen. Zudem suchen vor allem ältere Menschen, bedingt durch soziale Isolierung, Kontakt und Zuwendung. Für manche scheint die Apotheke der Ersatz für das ärztliche Wartezimmer geworden zu sein. Ein kleiner Schwatz über die täglichen Schmerzen tut gut. Oft kommen auch Menschen mit einer kurzzeitigen Erkrankung, für die sich ein Arztbesuch nicht mehr lohnt oder für die ihre Symptome so unerklärlich sind, dass sie zunächst in der Apotheke um Rat fragen. Allen versucht man eine freundliche und geduldige Zuwendung zu zeigen. Hin und wieder ist auch der kleine körperliche Kontakt, der bei Behinderung helfend zur Seite steht, zum Blutdruck- oder Cholesterinspiegelmessen nötig und gehört zur Dienstleistung des aufgeschlossenen Teams. Als gute Beobachterin auf der Seite der Patienten, war ich oft verwundert, wie schnell das von mir gewünschte Medikament zur Stelle war. Kein Suchen in irgendwelchen Schubladen oder Regalen. Wie von Zauberhand lag es in einer fast nicht sichtbaren Öffnung der Wand mir gegenüber, in der die üblichen Angebote an rezeptfreien Mitteln geordnet sind. Damit keine unnötige Zeit durch Suchen in Regalen und Schubladen verloren geht, wurde „Alfred“ angeschafft. So nennen die Mitarbeiterinnen eine technische Errungenschaft, in der Hunderte von Medikamenten deponiert sind und per Klick mit Lasertechnik geordert maschinell in den Kundenraum befördert werden. Da, wo früher am Wiener Platz die schöne alte Mülheimer Kneipe „Sieberts Eck“ war, wurde in den letzten Monaten fleißig gebaut. „Vielleicht“, dachte ich “wird hier noch ein schöner Biergarten oder ein nettes Restaurant eröffnet.“ Ich hab die Handwerker gefragt, die dort zu Gang waren. „ Keine Kneipe. Noch eine Apotheke.“ „Noch eine Apotheke?? Da sind hier auf der Frankfurterstrasse und Buchheimerstrasse schon 12.“ „Ja, wurde mir gesagt, aber die 13. wird eine türkische Apotheke.“ Warum eine türkische Apotheke?? Das versteh ich nicht.
Brigitte Milhan
(Ausgabe November / Dezember 2009 Nr.164)
Eine Pfanne wie aus Mutters Zeiten
(EIN WEITERES BEISPIEL BEMERKENSWERTER GESCHÄFTE IN UNSEREM VIERTEL)
Wenn ich die Buchheimerstrasse lang ging, war mein Ziel der Rhein. Geschäfte hab ich nie bewusst wahrgenommen. Doch eines Tages blieb ich stehen. Auf einem kleinen alten Elektroherd stand eine Eisenpfanne. Der Herd war ein Schaustück aber die Pfanne käufl ich. Seit meiner Jugend hatte ich so ein Schmuckstück nicht mehr gesehen. Zu Hause besaß ich die Beschichteten, die Emaille, die Gusseisernen aber nicht die gute alte Eisenpfanne. Der Spaziergang zum Rhein war vergessen. Draußen im Schaufenster lag da so allerlei, was meinen Blick nie eingefangen hatte. Aber jetzt im Laden kam ich mir wie mein Enkel vor, wenn ich ihm Wimmelbuch geschenkt habe. Was es da alles zu sehen gab.!!! Anders als in den verwirrend-gut organisierten Baumärkten kam mir eine freundliche Verkäuferin entgegen, die sich für meinen Kaufwunsch interessierte. Wir kamen in`s Gespräch über die Pfanne. Ich bekam eine kleine Lektion, mit der ich gar nicht gerechnet hatte. Eisen gibt ganz unbemerkbar ein bisschen von seiner Substanz ab. Ein Kinderarzt hatte ihr empfohlen, Eisennägel in einen Apfel zu stecken. Zwei Tage später hätte der Apfel die nötige Eisenration für ihre Kinder. Ähnlich verhielt es sich mit der Eisenpfanne. Mittlerweile ist meine Eisenpfanne so wie früher bei Muttern. Sie sieht nicht lecker aus, ist mittlerweile tief schwarz, sie wird selten gespült, ich brauche sie nur trocken aus zu wischen, denn mit ihr brennt nichts an. Aber ich sehe mehr als die Pfannen. Mit der Zeit wird dieses Geschäft eins meiner Lieblingsgeschäfte. Ich brauche Ösen, um meine Bilder aufzuhängen. Da gibt es die alte Verkaufstheke mit vielen kleinen Schubladen und irgendwo, wie mit der Zauberhand der Verkäuferin öff net sich ein kleines Fach, in dem meine klitzekleinen Ösen liegen. Ich brauche zwei Dübel oder zehn Nägel. Ich muss nicht zum Baudiscounter fahren. Hier bekomme ich die nötige Stückzahl. Kleinvieh macht auch Mist, sagt man mir Schon nach dem Krieg 1949 wurde das Geschäft in der Düsseldorferstrasse eröff - net. 1960 lief es unter dem Namen Schaudin und so heißt es heute noch. Inhaber ist die Familie Herking. Frau Herking erzählt mir, ursprünglich käme sie aus dem Schmuck und Uhrenbereich. Aber sie hätte schnell umgelernt. Eisenwaren: Im Verkaufsraum und dahinter befi nden sich 40 000 Kleineisenwaren. Schlüssel, Schlösser, Scharniere, Zylinder, Klinken. Dazu kommen Schrauben, Nägel, einhundert verschiedene Werkzeuge, Haushaltsgegenstände, vom Kaff eeautomaten bis zum Besenschrubber. Die Konkurrenz der Baumärkte ist ein geringes Problem. Im Gegensatz. Oft werden Kunden im Baumarkt beraten: Das gibt es bei uns nicht, gehen sie doch mal zu Schaudin auf der Buchheimerstrasse. Zur Firma gehört auch ein Monteur, der Schlösser einsetzt, repariert und vor allem von Wohnungsgesellschaften Aufträge erhält. Das ist das fi nanzielle Standbein der Firma, was mir erlaubt, zehn Nägel und fünf Dübel zu kaufen. Bei meinem letzten Kleinkram-Kauf ist mir allerdings ein Toaster in einem der zahlreichen Regalen aufgefallen. So einen wollte ich schon immer haben. Ich glaube, den kauf ich mir.
Brigitte Milhan
Mülheimer Stimmen